DIE LEICHTIGKEIT DES DASEINS

In München, wo ich seit mehreren Jahren lebe, gibt es mitten in der Stadt den Eisbach, der sich in den letzten Jahren zu einer wahren Attraktion, nicht nur für Touristen, entwickelt hat. Unter einer Brücke, über die eine stark befahrene Straße führt, fließt ein breiter Bach in den Englischen Garten und bildet dabei eine Welle, die sich hervorragend zum Surfen eignet. 

Insbesondere an schönen, sonnigen Tagen stehen meist junge Männer Schlange, um einen Ritt auf einer guten Welle zu wagen. Ich schaue den Eisbach-Surfern immer gerne zu, denn sie vermitteln ganz viel Leichtigkeit, Verspieltheit, Lebensfreude und Abenteuerlust. Die Surfer begeben sich mit ihren Brettern auf eine Welle und sind in den Momenten des Wellenreitens ganz konzentriert und präsent. Sie stehen einerseits fest auf ihren Boards und nehmen andererseits die Strömungen und Wellen an, wie sie gerade daherkommen. Das Ganze ergibt für mich ein schönes Spiel mit dem Wasser und dem Augenblick. Wenn der Ritt auf der Welle vorüber ist, springen die jungen Surfer mit einem Lachen ins kalte Wasser, schwimmen zum Ufer, stellen sich erneut in die Schlange und versuchen es noch Mal. Kein Wellenritt ist gleich wie der andere, der eine ist möglicherweise genial, der andere ist vielleicht weniger perfekt. Aber das ist nicht schlimm, denn es gibt immer Möglichkeiten, es wieder zu probieren. Für mich hat dieses Spiel bzw. dieser Sport ganz einfach mit Spaß zu tun, mit Leichtigkeit und einem Ganz-im-Moment-Sein. Leider haben wir Erwachsene es häufig verlernt, leicht zu sein und zu spielen. Wenn wir uns aber zurück erinnern an unsere Kindheit, so kennen die meisten von uns das Gefühl, in eine schöne Sache vertieft zu sein und keine Zeit mehr zu spüren. Beim Spielen haben wir normalerweise alles vergessen, wir waren ganz vertieft in den Augenblick, ohne lange darüber nachzudenken. Irgendwann wurde uns dann von unserem Umfeld vermittelt, dass das Leben kein Zuckerschlecken sei und eine ernste Angelegenheit. Ich behaupte immer wieder, wir Erwachsene müssten nochmals eine Schule besuchen, eine Schule, in der wir lernen, wieder Kinder zu sein. Würden wir nicht viel leichter unseren Alltag bestreiten können, wenn wir mehr lachten, nicht mehr alles so ernst sähen und viele Dinge mit mehr Humor nähmen? Falls Sie sich fragen, wie man das schafft, empfehle ich, mit folgender Übung anzufangen: Wenn Sie sich demnächst über eine Situation, Ihren Partner oder einen Kollegen/eine Kollegin in der Arbeit ärgern, dann lachen Sie einfach darüber. Sollte das nicht gleich gelingen, lächeln Sie oder ziehen zumindest die Mundwinkel nach oben. Wenn Ihnen das leicht fällt, lachen Sie am besten laut, auch wenn es anfangs künstlich klingt. Sehen Sie alles spielerischer, denn klappt etwas nicht gleich beim ersten Mal, dann gibt es mit Sicherheit eine weitere Chance.

Häufig wird darüber diskutiert, was es eigentlich heißt "spirituell" zu sein. Für mich bedeutet es gerade das: Wieder wie ein Kind durch die Welt zu gehen, nämlich neugierig, offenherzig, leicht, lachend, spontan, spielend und manchmal verrückt. Der Schauspieler Antonio Banderas hat einmal in einem Interview, als er nach seinen zukünftigen Filmprojekten gefragt wurde, gesagt, er wisse es noch nicht, denn er nehme alles wie ein Spiel und surfe immer auf der Welle, die ihm das Leben gerade bietet. Mir hat das gut gefallen.

 

"Meiner Ansicht nach ist das Geheimnis des Lebens die Dinge sehr, sehr leicht zu nehmen."

Oscar Wilde