DIE WIEDERENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT

Im Italienischen gibt es das sehr treffende Sprichwort "Chi va piano, va sano e va lontano". Übersetzt bedeutet das soviel wie "Wer langsam vorangeht, bleibt gesund und kommt weit". Gerade in der heutigen, meistens sehr hektischen Zeit, in der jeder ständig in Eile ist und viele Tage vollgepackt sind mit Terminen, ist dieser weise Satz bedeutsamer denn je.

 

 

Auf den ersten Blick stehen der permanente Mangel an Zeit und die bewusste Entscheidung für eine Entschleunigung des Lebens miteinander im Widerspruch. Genauer betrachtet, bedeutet eine Wiederentdeckung der Langsamkeit aus meiner Sicht jedoch mehr Lebensqualität und ein bewussteres Erleben des Augenblicks. Wie Albert Einstein schon bewies, ist Zeit relativ, sie ist keine feste Größe und daher individuell dehnbar. Doch wie lässt es sich praktisch umsetzen, dass wir 1 Minute nicht wie einen Wimpernschlag wahrnehmen, sondern wie gefühlte 10 Minuten? Letztendlich ist es ganz einfach: Durch mehr Konzentration und Fokussierung auf den Moment, auf eine bestimmte Tätigkeit, können wir unsere persönliche Zeit individuell gestalten und "verwalten". Hier geht es um die Präsenz im Augenblick und um ein Leben im Hier und Jetzt. Häufig sind wir mit unseren Gedanken eher in der Vergangenheit oder in der Zukunft, aber nicht in der Gegenwart. Das lässt uns oft das Gefühl haben, wir hätten keine oder zu wenig Zeit. Regelmäßiges Meditieren oder auch bewusste Spaziergänge in der Natur z.B. helfen uns, präsenter zu werden. Für wen das nicht möglich ist, kann sich auch ein- oder zweimal am Tag, am besten morgens und abends, bewusst hinsetzen, die Augen schließen, in seiner Vorstellung sich mit der Erde verbinden und einfach nur auf den Atem konzentrieren. Das wirkt stabilisierend und hilft, uns in kürzester Zeit zu zentrieren. Gestärkt, können wir dann das erledigen, was zu tun ist - jedoch mit einer anderen, bewussteren Haltung. Über den Tag hinweg macht es im Übrigen auch Sinn, mehrfach kurze Pausen einzulegen und die Übung zu wiederholen oder sich auch nur für wenige Minuten zu sammeln, dem eigenen Atem zu lauschen oder einen Gegenstand, eine Blume oder einen Baum zu betrachten. Durch mehr Stabilität und Konzentration wird unser Leben intensiver, wir werden effizienter, haben mehr Energie (wir sind gesünder) und verpassen nicht den Augenblick. Das Einrichten "stiller" Momente hat eine weitere positive Wirkung: Wir lernen dadurch, mehr und mehr unsere innere Stimme wahrzunehmen, die uns immer wieder zeigt, wohin es für uns geht. Diese Stimme ist darüber hinaus ein wichtiger Indikator dafür, ob wir etwas tun, was gut für uns ist oder ob wir damit nur die Erwartungen anderer erfüllen wollen. Außerdem sind Langsamkeit und Stille ein wichtiger Quell unseres kreativen Potenzials, letztendlich des Potenzials unserer Seele. 

 

"Denke immer daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt."

Lew Tolstoi